Das Corps Thuringia wurde am 9. Oktober 1976 gegründet. Als Traditionsgründungsdatum gilt jedoch der 17. Juni 1908, der Gründungstag der Sängerschaft Thuringia. Sängerschaften als Korporationen mit musikalischer Zielsetzung entwickelten sich im 19. Jahrhundert aus den akademischen Gesangsvereinen. Die Pflege der Musik war bewußter Rückgriff auf die alle Deutschen über vielerlei Grenzen hinweg verbindenden kulturellen Traditionen. Schwärmerische Romantik und politische Zielsetzung gingen dabei Hand in Hand.

Da es in Heidelberg noch keine Sängerschaft gab, beschlossen der Greifswälder Guilelme Dr. Henry Bußmann und die zwei Müchner Wittelsbacher Gerlach und Uderstadt, eine solche zu gründen. Im Juni 1908 wurden die ersten offiziellen Schritte eingeleitet. Ein Vertreter wurde zum Bundestag des Weimarer CC (damaliger Dachverband farbtragender und schlagender Sängerschaften) nach Weimar gesandt, der am 10. Juni beschloß, in Heidelberg eine Sängerschaft zu gründen. Als Name wird Thuringia (Bezug auf Weimar) gewählt, als Farben Schwarz-Karmoisinrot-Weiß. Ans Licht der Öffentlichkeit tritt Thuringia beim Publikationsfest am 17. Oktober 1908 im „Prinz Friedrich“ in der Kettengasse.

Die Jahre zwischen 1908 und 1914 waren kurz, doch Thuringia suchte einen eigenen Stil zu finden gleichermaßen durch Pflege der waffenstudentisch-korporativen Idee wie auch der musikalischen Bildung. Der Ausbruch des ersten Weltkriegs traf eine so junge Verbindung jedoch noch härter als andere. 1916 waren von 56 Thüringern 45 eingezogen – 11 fielen, 27 wurden verwundet.

Die Zwischenkriegszeit brachte mit der Inflation drückende Sorgen; vom Holz zum Heizen bis zum Bier konnte man das Aktivenleben nur durch Spenden bestreiten. Dennoch entwickelte sich Thuringia bis zum Ende der zwanziger Jahre gut. Das Ende kam jedoch unspektakulär, als auf Betreiben des neuen Regimes der Staat ab 1935 keine eigenständigen studentischen Gruppierungen außerhalb des NSDStB (Nationalsozialistischer deutscher Studentenbund) mehr duldete.

1947 ging man an den Wiederaufbau. Vor dem zweiten Weltkrieg hatte es 177 Thüringer gegeben. Davon waren 28 gefallen, 11 wurden vermißt und 28 wohnten in der sowjetischen Besatzungszone. Der Aktivenbetrieb verlief zunächst gut. Sinkende Aktivenzahlen führten jedoch dazu, daß Thuringia 1969/70 erstmals, 1974 zum zweitenmal den Aktivenbetrieb einstellen mußte.
Im Sommer 1976 kam es zu Gesprächen mit Angehörigen des Corps Rheno-Nicaria im Weinheimer Senioren Convent (WSC), das sowohl in Mannheim als auch in Heidelberg vertreten war, seinen Aktivenbetrieb aber nach Mannheim konzentrieren wollte. Das Ergebnis war eine „Dokumentation zur Gründung des Corps Thuringia vom 17. 8. 1976“. Thuringia wurde ein Corps, das zunächst keinem Verband angehörte. Unverzichtbare Prinzipien wurden das Lebensbund-, Toleranz-, Convents-, Couleurprinzip und das Bekentnis zum Waffenstudententum. Farben, Mütze, Wappen und Traditionsgründungsdatum wurden von der Sängerschaft Thuringia übernommen.

Seit 1995 ist das Corps Thuringia Mitglied im Weinheimer Senioren Convent (WSC). Das „junge“ Corps Thuringia ist heute eine zahlenmäßig nicht sehr starke Korporation, dafür jedoch um so stärker an innerer Geschlossenheit. Die überdurchschnittlich rege Teilnahme der Alten Herren am Leben der Aktiven auf dem Haus ist die Verwirklichung des Lebensbundprinzips in fortwährender Toleranz zwischen den unterschiedlichen Generationen – getreu unseres Wahlspruchs „Einig, furchtlos und treu!“

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